Branchen-Oscar für Schnitzler
PRINZIPAL: Die Textilwirtschaft schrieb, deine Dankesrede sei der „emotionalste Moment“ der Preisverleihung gewesen. Hinterher gabs Standing Ovations der 500 Menschen im Saal. du scheinst einen Nerv getroffen zu haben … Dabei hast Du der Modebranche in deiner Rede auch die Leviten gelesen!
ANDREAS WEITKAMP: Sagen wir, ich habe der Branche den Spiegel vorgehalten. Die Rede habe ich an einem Abend geschrieben. Ich wusste, dass sie provoziert. Aber ich hätte nicht mit der Resonanz gerechnet. Was mir viele rückgemeldet haben: Die Rede war authentisch. Das war kein Marketing-Sprech, es war einfach Andreas, der seine Gedanken über diese Branche und über die Welt auf diese Bühne gebracht hat.Und das in großer Klarheit und komprimiert. Das hat offensichtlich viele berührt.
PRINZIPAL: In deiner Rede und auch in der Begründung der Jury ist sehr viel von Engagement, von Haltung die Rede. Entdeckt die Branche jetzt das Thema?
WEITKAMP: Verstärkt, ja. Es war schon auch das Motto dieser TW-Preisverleihung. Bei allen drei Preisträgern. Ich finde das gut. Nicht der Größte oder der Expansivste oder der Lauteste wurde geehrt, sondern die Jury hat Unternehmen rausgegriffen, die auch in entscheidenden Momenten Haltung zeigen. Wir Händlerinnen und Händler haben die letzten Jahrzehnte gelernt, immer möglichst neutral zu sein. Bloß nicht anecken und erst recht nicht politisch positionieren. Wir sind für alle offen. Wir wollen an jeden etwas verkaufen. Diese Zeit ist meines Erachtens vorbei. Die Welt ändert sich, das Konsumverhalten auch. Die Menschen überlegen sehr genau, wo sie einkaufen. Sie wollen wissen, wofür dieser Laden steht. Um das zu vermitteln, müssen wir Position beziehen. Ich mache das persönlich gerne, weil ich davon überzeugt bin, dass es richtig ist. Aber ich mache das auch fürs Unternehmen, weil es Profil gibt. Handel, der Zukunft haben will, braucht Profil.
PRINZIPAL: Ein spannender Punkt! Profil zeigst du nicht nur in Handelsfragen sondern auch bei politischen Themen!
ANDREAS WEITKAMP: Ja, klar. Handel ist ja nicht allein auf der Welt. Für uns ist doch entscheidend, was im Umfeld passiert. Wie entwickeln sich unsere Innenstädte? Was müssen wir tun, damit unsere Kinder in 15 Jahren immer noch gerne in die Innenstadt kommen? Da ist man schnell bei Kommunalpolitik!
PRINZIPAL: Beobachtet ihr, dass Kundinnen und Kunden klare Positionen honorieren?
WEITKAMP: Auf jeden Fall honorieren die Gäste der Stadt Ergebnisse dieses Engagements. Die Domplatz-Oase* ist bei gutem Wetter immer belebt. Studien zu Innenstädten und Zukunftsforscher sagen das Gleiche: Innenstädte brauchen Plätze, wo die Menschen einfach sein können – mit Konsum oder ohne Konsum. Früher war die Innenstadt das Zentrum für alles: Arbeiten, Freunde treffen, Einkaufen, Wohnen. Das hat sich geändert – spätestens seit Corona. Für Menschen, die fünf Tage im Homeoffice sitzen, ist die Innenstadt kein zentraler Punkt ihres Lebens mehr. Diese Menschen müssen sich bewusst entscheiden, dorthin zu fahren. Daher müssen wir dazu beitragen, dass Innenstädte wieder stärker auch als soziale Orte erlebt werden können. Man könnte einwenden, dass mir das egal sein darf, weil ich ja nur Pullover verkaufen will. Aber gerade Familienunternehmen ticken so, dass sie auch in 100 Jahren noch Pullover verkaufen wollen. Das geht nur in vitalen Innenstädten. Und deshalb ist die Egal-Zeit vorbei.