DIE EGAL-ZEIT IST VORBEI!


Mitte Mai bekam Andreas Weitkamp, Inhaber von Schnitzler und Weitkamp, den TW Forum Preis 2025 der Fachzeitschrift Textilwirtschaft überreicht. Diese renommierte Auszeichnung der Modebranche gilt als Branchen-Oscar. Die Liste der bisherigen Preisträger umfasst Namen wie Stone Island, Lodenfrey, Louis Vuitton, Apropos, Mr Porter oder Adidas Originals. Die 15-köpfige Jury hob Weitkamps „Mut zur Haltung“, seinen gesellschaftlichen Einsatz und das Engagement für ein starkes Miteinander in Münster hervor. Weitkamp engagiert sich unter anderem als einer der Sprecher der Initiative starke Innenstadt (IsI). Mit seiner offenen und kritischen Dankesrede elektrisierte Weitkamp das 500-köpfige Publikum in Frankfurt. Prinzipal sprach mit dem Preisträger über Mut und warum die Zeit des „Alles egal“-vorbei ist.

Zum vollständigen Pressebeitrag des TW Forum Preises 2025.
Zum vollständigen Pressebeitrag des TW Forum Preises 2025.

Branchen-Oscar für Schnitzler


PRINZIPAL: Die Textilwirtschaft schrieb, deine Dankesrede sei der „emotionalste Moment“ der Preisverleihung gewesen. Hinterher gabs Standing Ovations der 500 Menschen im Saal. du scheinst einen Nerv getroffen zu haben … Dabei hast Du der Modebranche in deiner Rede auch die Leviten gelesen!

ANDREAS WEITKAMP: Sagen wir, ich habe der Branche den Spiegel vorgehalten. Die Rede habe ich an einem Abend geschrieben. Ich wusste, dass sie provoziert. Aber ich hätte nicht mit der Resonanz gerechnet. Was mir viele rückgemeldet haben: Die Rede war authentisch. Das war kein Marketing-Sprech, es war einfach Andreas, der seine Gedanken über diese Branche und über die Welt auf diese Bühne gebracht hat.Und das in großer Klarheit und komprimiert. Das hat offensichtlich viele berührt. 

PRINZIPAL: In deiner Rede und auch in der Begründung der Jury ist sehr viel von Engagement, von Haltung die Rede. Entdeckt die Branche jetzt das Thema? 

WEITKAMP: Verstärkt, ja. Es war schon auch das Motto dieser TW-Preisverleihung. Bei allen drei Preisträgern. Ich finde das gut. Nicht der Größte oder der Expansivste oder der Lauteste wurde geehrt, sondern die Jury hat Unternehmen rausgegriffen, die auch in entscheidenden Momenten Haltung zeigen. Wir Händlerinnen und Händler haben die letzten Jahrzehnte gelernt, immer möglichst neutral zu sein. Bloß nicht anecken und erst recht nicht politisch positionieren. Wir sind für alle offen. Wir wollen an jeden etwas verkaufen. Diese Zeit ist meines Erachtens vorbei. Die Welt ändert sich, das Konsumverhalten auch. Die Menschen überlegen sehr genau, wo sie einkaufen. Sie wollen wissen, wofür dieser Laden steht. Um das zu vermitteln, müssen wir Position beziehen. Ich mache das persönlich gerne, weil ich davon überzeugt bin, dass es richtig ist. Aber ich mache das auch fürs Unternehmen, weil es Profil gibt. Handel, der Zukunft haben will, braucht Profil. 

PRINZIPAL: Ein spannender Punkt! Profil zeigst du nicht nur in Handelsfragen sondern auch bei politischen Themen! 

ANDREAS WEITKAMP: Ja, klar. Handel ist ja nicht allein auf der Welt. Für uns ist doch entscheidend, was im Umfeld passiert. Wie entwickeln sich unsere Innenstädte? Was müssen wir tun, damit unsere Kinder in 15 Jahren immer noch gerne in die Innenstadt kommen? Da ist man schnell bei Kommunalpolitik! 

PRINZIPAL: Beobachtet ihr, dass Kundinnen und Kunden klare Positionen honorieren? 

WEITKAMP: Auf jeden Fall honorieren die Gäste der Stadt Ergebnisse dieses Engagements. Die Domplatz-Oase* ist bei gutem Wetter immer belebt. Studien zu Innenstädten und Zukunftsforscher sagen das Gleiche: Innenstädte brauchen Plätze, wo die Menschen einfach sein können – mit Konsum oder ohne Konsum. Früher war die Innenstadt das Zentrum für alles: Arbeiten, Freunde treffen, Einkaufen, Wohnen. Das hat sich geändert – spätestens seit Corona. Für Menschen, die fünf Tage im Homeoffice sitzen, ist die Innenstadt kein zentraler Punkt ihres Lebens mehr. Diese Menschen müssen sich bewusst entscheiden, dorthin zu fahren. Daher müssen wir dazu beitragen, dass Innenstädte wieder stärker auch als soziale Orte erlebt werden können. Man könnte einwenden, dass mir das egal sein darf, weil ich ja nur Pullover verkaufen will. Aber gerade Familienunternehmen ticken so, dass sie auch in 100 Jahren noch Pullover verkaufen wollen. Das geht nur in vitalen Innenstädten. Und deshalb ist die Egal-Zeit vorbei.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sitzen und stehen vor einem hellen Gebäude und lächeln in die Kamera.
Der Preis gehöre, so Preisträger Andreas Weitkamp, dem 115-köpfigen Schnitzler-Team, das die besondere Auszeichnung gemeinsam im Supernormal feierte. Besonders bedankte sich Weitkamp bei seinen Eltern Karl-Jürgen und Veronika Weitkamp, die ihn mit 16 ins kalte Handels-Wasser geworfen hätten, „weil sie ahnten, dass ich schwimmen kann. Ich hatte keine Ahnung, aber sie haben mir vertraut.“
PRINZIPAL: Du hast auch die Branchenlogik kritisiert, die möglichst viel Ware möglichst risikoarm möglichst schnell verkaufen will – und dann hinterher sogar vieles vernichtet, was nicht verkauft wird. Aber wie kommt die Branche aus diesem Zirkel heraus?

WEITKAMP: Ich kann das nicht für die Branche, sondern nur für uns beantworten: Wir haben uns in den letzten Jahren von Marken getrennt, die auf der Werteebene nicht mehr zu uns passen. Und bei uns wird nichts vernichtet.

PRINZIPAL: Die Jury hat gelobt: „Sie modernisieren das Kerngeschäft, ohne bewährte Werte aus den Augen zu verlieren.“ Das klingt sehr nach „zwischen Tradition und Fortschritt“ … 

WEITKAMP: Als ich vor 15 Jahren bei Schnitzler anfing, habe ich handgeschriebene Briefe von Kundinnen bekommen: „Bitte verändern Sie nichts!“ Und dennoch musst du Dinge verändern – und das stetig. Und auf diesem Weg musst du Marken, Kundinnen und Kunden, das Team mitnehmen. Das ist viel komplexer als nur der Spagat zwischen Moderne und Tradition. Es geht nur Schritt für Schritt und dabei ist das Tempo wichtig. Du darfst nicht anhalten zwischendurch. Du darfst nicht zu schnell werden. Du darfst keinen Schritt auslassen. Dieser Prozess ist das eigentlich Anspruchsvolle in unserer Branche. Und das hat nichts mit der neuen Modefarbe zu tun. Wir sind bestimmt nicht ausgezeichnet worden, weil wir als Erstes das Thema Bordeaux entdeckt hätten. Die Auszeichnung honoriert, wie komplex unser Weg ist. Und das ist einer der Gründe, warum mich dieser Preis freut. 

PRINZIPAL: In deiner Rede taucht das Wort „Mut“ mehrfach auf. Auch dort, wo es um den Mut geht, Kundinnen und Kunden Neues zu bieten … 

WEITKAMP: Das Überraschende ist für erfolgreichen Handel ein zentrales Element. Aber auch hier kommt es auf Tempo und Dosierung an. Die richtige Mischung zu finden aus dem Bewährten und aus dem Überraschenden ist nicht nur Schnitzler-, sondern sogar Münster-DNA. 

PRINZIPAL: Glaubst du, dass Münster und der Prinzipalmarkt Vorbild sein können, wie es im Handel gehen sollte? 

WEITKAMP: Zumindest haben wir hier eine Reihe von Unternehmen, die in den letzten Jahren bedeutende Auszeichnungen bekommen haben. Nimm etwa Kösters Wohnkultur als Shop of the Year des letzten Jahres oder Zumnorde einige Jahre davor. Oder die Sternerestaurants wie das Coeur d’Artichaut oder Spitzner. Oder Marie Osthues, die gerade den Preis für gelungenen Generationswechsel bekommen hat. Es gibt hier viele Auszeichnungen auf engem Raum. Münster und der Prinzipalmarkt müssen also eine große Strahlkraft haben. Diese Wahrnehmung darf aber nicht zu Selbstgenügsamkeit führen. Wir hier in Münster in einer Käseglocke, in der die Welt noch in Ordnung ist. Die Zeit ist vorbei. Auch wir müssen etwas tun. Und wenn das passiert und wir als Stadt Strahlkraft haben, freue ich mich. „ES GEHT NICHT DARUM, WER DIE MEISTEN PULLOVER VERKAUFT.“ Für seine offene und kritische, etwa zwölfminütige Dankesrede in Frankfurt bekam Weitkamp Standing Ovations. Erfolgreicher Modehandel erfordere künftig Haltung, Rückgrat und Werte, so Weitkamp unter anderem. Die Branche sei in weiten Teilen von Angst geprägt. Angst, Kunden durch klare Positionen zu verlieren. Angst sich für die nötige Transformation der Innenstädte einzusetzen. Die meist familiengeführten Einzelhändler der Innenstädte seien „die Säule“ zwischen den Extremen, während Konzerne auf „Skalierung“ und disruptive Start-ups auf den kurzfristigen Erfolg schielen. Er forderte die Branche auf, sich stärker für Innenstädte zu engagieren und Bündnisse zu bilden. Die Rede traf einen Nerv. Ein bekannter Name der Branche rief dem Redner im Überschwang gar zu: „Ich liebe dich!“ 

Wer die ganze Rede lesen möchte, findet sie hier

* Die Domplatz-Oase ist ein gemeinsames Projekt der Stadt Münster und der Initiative starke Innenstadt.
Gesellige Atmosphäre bei der Schnitzler-Feier zum TW Forum Preis 2025, Menschen im Austausch im Abendlicht.
Zwei Mitarbeiter in hellen Outfits stehen in der warmen Abendsonne in der Innenstadt und hält Weingläser
Gesellige Atmosphäre bei der Schnitzler-Feier zum TW Forum Preis 2025, Menschen im Austausch im Abendlicht.
Gesellige Atmosphäre bei der Schnitzler-Feier zum TW Forum Preis 2025, Menschen im Austausch im Abendlicht.
Gesellige Atmosphäre bei der Schnitzler-Feier zum TW Forum Preis 2025, Menschen im Austausch im Abendlicht.
Gesellige Atmosphäre bei der Schnitzler-Feier zum TW Forum Preis 2025, Menschen im Austausch im Abendlicht.
Fünf Mitarbeitende bei der Schnitzler-Feier zum TW Forum Preis 2025, eine Person hält den Preis.
Fünf Mitarbeitende bei der Schnitzler-Feier zum TW Forum Preis 2025, eine Person hält den Preis.
Eine Mitarbeiterin bei der Schnitzler-Feier zum TW Forum Preis 2025, die den TW Preis hält.
Drei Mitarbeitende bei der Schnitzler-Feier zum TW Forum Preis 2025, eine Person hält den Preis.
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